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Chiffon im Winter



So, heute mal was aus dem virtuellen Nähkästchen geplaudert. Ich beneide ja immer irgendwie diese tollen fashionblogs, in denen jeden Tag ein neuer Look, jeden Tag eine neue Mode angepriesen wird. Was für ein Stress! Sich um nichts anderes mehr Gedanken zu machen, was frau so trägt, tragen muss oder tragen sollte. Und das zu finden, kaufen, fotografieren, kommentieren. Bei aller Liebe nicht. Kann Mode so wichtig sein?

Aber auch Kleinbärbel ist nicht gänzlich immun gegen Mode. Ich halt mich zwar nicht dran, brauche aber auch Input um zu finden was MIR gefällt. Darum lese ich EIN Heft, nur eins. Außer der Burdamoden natürlich. Und das ist die instyle. Überflüssig zu sagen, dass die aus dem Hause Burda kommt.

Bei meinem letzten Trip nach England – hey, das klingt sehr cool- habe ich am Flughafen eine englische instyle gekauft, zunächst aus Langeweile, dann weil ein türkisfarbenes Schminktäschchen beigelegt war und weil es halt die instyle ist. Und was ist die instyle? Mein Mann hat mal gefragt, warum ich ein Zickenheft lese, in dem so viele Promis abgebildet sind, er dachte ich interessiere mich für beides nicht. Stimmt. Aber die haben Klamotten an. Seitenweise. Fotos, Fotos, Fotos. Was Frau Beckham oder Winslet anziehen ist mir eigentlich egal, aber wenn tolle Anregungen dabei sind könnten auch Frau Lieschen und Müller in den Fummeln stecken, ich würde das Heft kaufen.

Das englische Heft war genauso aufgemacht wie das deutsche. Nur als ich ca 3 Monate später das deutsche kaufte, kamen mir einige Artikel seltsam vertraut vor. Ein Vergleich mit der englischen brachte es zutage: Frisuren und Stylingtipps hatten die Engländer Monate vor uns! Also sorry Burda, aber von einem topaktuellen Modeheft erwarte ich mehr als aufgewärmte Artikel. Nach dem Motto „wird schon keiner merken“. Und: Sind die Frisuren nicht nach 3 Monaten schon wieder „out“?

Na ja, ich lese das Heft eh nur 2-3 Mal und reiße raus was mir besonders gefällt, und das hängt dann mitunter jahrelang an einer meiner Pinwände. Weil ich es nachnähen will. Mit Burdaschnitten. So dreht sich das Karussell immer nur um Burda, irgendwie.

Mein persönliches Komik-Highlight der letzten Jahre fand ich in der vorletzten Ausgabe der instyle. Im editorial jammerte die Redakteurin Patricia Riekel, dass die Modebranche die neusten, besten und hippsten Klamotten anscheinend im krassen Gegensatz zu der aktuellen Jahreszeit produziert. Dass man Sommerfummel im Winter kaufen muss und umgekehrt. Ich meine… sind die Modefreaks da nicht selber schuld? Alle wollen sie den Krempel als erste haben, das muss doch vorproduziert werden. Frau Riekel schaffte die Kurve ins Positve dann noch, indem sie es anpries durch saisonal unpassende Kleidung mehr Auswahl im Kleiderschrank zu haben. Chiffonkleider kann man im tiefsten Winter mit Strickjacken aufwärmen. Reim Dich oder ich freß Dich!

Regelrechte Depressionen müssen fashionistas bekommen, weil es anscheinend so schrecklich schwer ist, dann ein halbes Jahr im Voraus zu wissen, was man ein halbes Jahr später tragen muss. Eine Zwickmühle. Tragen die Promis im Dezember fake fur, und man hat es nicht rechtzeitig im Juni eingekauft, hat Frau schlechte Karten. Der Gang zum Psychater ist vorprogrammiert.

Aber genau dieses schreckliche Schicksal der Modesüchtigen jagt einen Freudenschauer durch meinen Körper: Es kann Mode sein was will, wenn ich eine Pelzjacke im Dezember brauche, dann mache ich sie mir! Um hip und angesagt zu sein brauch ich nur 2 Zutaten: Die instyle und die Burdamoden! Ok, es könnten beliebige andere Mode- und Schnittmusterhefte sein, aber das Prinzip bleibt gleich. Wer seine Klamotten selber macht, gewinnt.

Zum Glück bin ich kein Modefreak. Ich möchte tragen was MIR gefällt, nicht irgendeinem Designer den ich nicht einmal persönlich kenne. So ein Quatsch, sich mit stolzgeschwellter Brust in Designerklamotten zu hüllen. Nur weil ein Herr XY das vorgezeichnet hat ist es mehr wert, steht mir besser oder macht mich cool? Liebe fashionistas, wenn ihr in den Spiegel schaut, guckt doch mal zur Abwechselung in eurer Gesicht. Was seht ihr da? Das angesagte Kleidchen vom Modezar? Seid ihr nettere Menschen weil ihr etwas am Körper tragt, um das euch andere beneiden?

Ich mag Mode. Das sollte man nun nicht glauben, was? Aber ich mag Kleidung die in mein Schema passt. Komischerweise bin ich damit nicht alleine, ich kann es nicht sein. Warum? Nun, ich schließe aus den Modestrecken der letzten Jahre, dass die Modekunden einen mehr und mehr individuellen Geschmack ausprägen.

In den 80ern waren die Jeans alle gleich, in den 90ern die Röcke kurz und das Millenium hat uns recht klare Linien beschert. Doch in den letzten Jahren fällt mir mehr und mehr auf, dass zum Beispiel die Burdamoden in jedem Heft 3-4 Stilrichtungen anbietet. Und zwar solche, wie sie sich krasser nicht unterscheiden könnten. Da ich die romantische Mode mag, fallen mir diese Kleider mehr auf. Und ich werde bedient. Aber auch die Frauen die es eleganter mögen. Und die, die den klaren und zurückhaltenden Stil bevorzugen. Wir alle werden umworben, und als Zielgruppe erkannt. Nie habe ich eine größere Vielfalt in den Modeheften gesehen, in den Kaufhäusern (wenn ich dann mal reingehe) und in den onlineshops.

Das erinnert mich an Politik: Beliebig sein spricht ein größtmögliche Wählerschaft an. Beliebigkeit hat einen negativen Beigeschmack. Nicht so in der Mode, finde ich. Ich habe das Gefühl, ich kann alles tragen (mache ich sowieso) und keiner lacht. Ich habe ja immer schon gehofft, die Modefans würden ihren eigenen Geschmack entwickeln und ihn auch umsetzen. Ich glaube das passiert. Individualität wird höher geschätzt denn je. Ironischerweise werben zum Beispiel Parfümfirmen damit, mithilfe ihres Produktes seinen ganz eingenen Stil zu kreiren. Das ist lustig. Wie soll ich einzigartig sein, wenn ich ein Parfum kaufe das gewiss viele andere Menschen auch kaufen, weil sie die Werbung gesehen haben?

Aber Hobbymodedesignerinnen, die ihre Klamotten selber machen, drücken sich selbst aus, sind einzigartig und müssen nicht der Mode folgen, die können sie gestalten. Auch das passiert. Durch das Internet übernehmen diejenigen mehr und mehr die Führung, die ihr eigenes Ding machen, denn nun können sie es zeigen, es transportieren. Modeblogs zeigen mehr und mehr Selbstgemachtes, Verkaufsportale für Eigenprodukte (etsy, DaWanda) boomen, immer weniger sind Verbraucher darauf angewiesen, was ihnen die Industrie vorsetzt.

Vielleicht liest Frau Riekel auch mal die Burdamoden, und versucht die Nähnadel auszupacken. Keine Zeit? Klar, mit Editorials kann man in der gleichen mehr Geld verdienen um damit vorgefertigte Kleidung zu kaufen. Muss sie halt auch weiter im Sommer die Winterjacken kaufen. Und im Modeheften darüber schreiben…..

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