Ja was ist das denn? Naalbinding?
Man kann schon ahnen, dass in dem Begriff eine „Nadel“ steckt. Und „binden“. Genau das ist es, mit einer Nadel binden.

Ich hatte von der Technik nie zuvor gehört, bis ich meiner Handarbeitsfreundin Aud meine ersten Häkelsachen zeigte. Da sie weiß, dass ich auch an alten Techniken interessiert bin, erzählte sie mir vom Naalbinding, denn als langjährige Reenactorin kannte sie diese uralte Technik auf dem effeff.

Schon die alten Wikinger kannten den Trick, ihre gesponnene Wolle mit Hilfe einer simplen Nadel in nützliche Dingen zu verwandeln. Dabei arbeitet man nicht wie beim Stricken oder Häkeln- beides Techniken aus jüngerer Zeit- mit einem Endlosfaden vom Knäuel, sondern einem 1-2 Meter langen Faden. Und bildet damit Schlingen in vielen Variationen.

Bevor es losgehen konnte, brauchte ich eine Nadel. Darum habe ich aus einem abgebrochenen Ast meines Kirschbaumes durch stundenlanges Schaben und Schmirgeln eine Holznadel gebastelt.

Um die Technik zu lernen, habe ich diese Seiten benutzt: Zunächst die von Bernhard Dankbar. Dort wird ausführlich beschrieben wie man vorgehen muss. Doch die Fotos waren mir trotz ihrer Ausführlichkeit und Qualität noch ein kleines Rätsel, darum habe ich auch hier nachgeschaut: Nadelbinden.de.
Dort findet man Bilder in leichten Abwandlungen, was sehr hilfreich ist. Der Knoten im Kopf ist dann endlich geplatzt, als ich bewegte Bilder sah (und ich sag ja immer: 1 Minute in Aktion ersetzt 1000 Bilder und Worte):
Der Oslo-Stich. (danke „pittyom“)

Dieser Stich ist- so wie ich es verstehe- als Grundstich der „Daumenfangmethode“ zu verstehen. Dabei schlingt man die Schlaufe, die immer als erste in einer Arbeitsreihe liegt, einmal um den Daumen.
Anfangs fand ich das merkwürdig. Denn anders als beim Häkeln, wo man die Größe einer Arbeitsschlinge durch die Größe der Häkelnadel bestimmt, wird die Schlinge des Naalbinding durch den Daumen vorgegeben.

Also ziemlich groß. Aber im weiteren Verlauf einer Arbeit verteilt sich diese Weite. Wenn man den richtigen Faden hat.
Ein erster Versuch mit relativ dickem Garn verlief unbefriedigend, weil mir das Gewirk zu locker wurde (hellgraues Probestück). Den zweiten Versuch mit Effektgarn hätte ich mir schenken können, das wurde nur knubbelig. (in Lila)

Das grau-braune Gewirk im Hintergrund fand ich dann in Ordnung, was die Kompaktheit der Stiche angeht. Was man hier nicht sieht: Das Ganze ist sehr voluminös. Bei dem Olsostich wird jeder Faden durch 3 Schlingen geführt. Das macht das Werkstück entsprechend dick. Aber auch sehr elastisch, ich würde sagen in etwa wie ein gestricktes Maschenwerk.

Man muss bedenken, dass die Technik in Zeiten entwickelt wurde, als der Nutzen eines Kleidungsstückes Vorrang vor der Optik hatte. Und nützlich ist diese Technik. Man kann viele kürzere Fäden miteinander verbinden, das fertige Werk ist sehr stabil und wärmt. Benutzt man unveränderte Wollfasern, kann man das fertige Stück auch noch filzen, was damals häufig für Socken gemacht wurde. Der praktische Effekt eines solch dicht gewirkten Werkstückes ist wohl durch nichts zu übertreffen! Und man kann im Voraus die Form vorgeben.
Um die Technik zu üben habe ich dann eine Mütze „genadelt“.

Ich bin etwas unglücklich über die Farben. Doch ich hatte grade keine andere Schurwolle im Fundus. Mal schauen, wie ich das olle Ding aufpeppen kann. Der Tragekomfort ist wunderbar, sehr weich und unglaublich warm.
Dennoch wird diese alte Technik nicht meine neue Lieblingstechnik. Da man mit Fadenstücken arbeitet, muss jeder Faden ja auch mit dem nächsten verbunden werden. Mit Schurwolle geht das sehr gut, man „öffnet“ beide Enden der Fäden und verfilzt sie neu. Doch bei behandelten Garnen stelle ich mir das schwierig vor.
Außerdem lässt sich die Arbeit nicht wieder öffnen, es sei denn man nadelt jede gemachte Schlinge wieder zurück. Entdeckt man also eine oder mehrere Reihen zuvor einen Fehler, ist man aufgeschmissen.

Und: Die Größe der Schlingen richtet sich wie gesagt nach meinem Daumen. Mit der grau-braunen Wolle kommt es hin, aber zum Beispiel meine geliebte Regia kann ich dann vergessen, es sei denn ich möchte eine Art Lace-Effekt erzielen, denn mit dünnem Garn erhält man ein extrem lockeres Maschenbild. Als würde man ein Garn der Nadelstärke 3 mit einer 10er Nadel verarbeiten. Nett für bestimmte Effekte, aber auch sehr eingeschränkt.

Ich werde meine Holznadel also ersteinmal einlagern, und auf die Suche nach Garn gehen welches zu braun und grau passt um das Mützchen aufzupeppen. Denn so wie sie ist werde ich diese „Wikinger“-Mütze nicht anziehen.
Facebook Comments
  1. Ich wünschte, ich hätte den Ehrgeiz, den Du an den Tag legst.
    Letztes Jahr habe ich mal das Nadelbinden versucht. Entweder lag´s an mangelnder Erkenntnis oder Unlust, jedenfalls sah das Ergebnis seeeeehr locker aus. Damit hab ich es aufgegeben. Mich hat auch das ewige Neuanfangen etwas genervt.

    LG
    Siggi

  2. Was es alles gibt, sehr interessant! Ich würde mir ja an die Mütze ein Sträußchen aus einem Filzblatt, einer aus Filz genähten Eichel und vielleicht einer kleinen Feder stecken und sie als ironische Version des Jägerhuts tragen. Oder eine Stoffblume aus blau-grau-braunem Karostoff.

    viele Grüße, Lucy

  3. Das ist ja mal etwas ganz anderes und sehr lehreich. Vielen Dank!

    Liebe Grüße

    Su-Tra

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